Oder: verstehe ich mindestens 10% des Stoffes in einem Rettungssanitäterkurs, der schon seit neun Monaten läuft und auf Spanisch ist?

Zählen die Füllwörter wie “und” und “oder” oder die Artikel auch? In dem Fall kann ich die Frage nämlich confident mit “ja” beantworten. Sonst… nicht so unbedingt. Aber der Reihe nach.


Ein bisschen Kontext: wie bin ich in diese Situation geraten?

Wie schon oft erwähnt, haben wir momentan relativ wenig beim CRM zu tun- deshalb hat uns unser Koordinator angeboten, sich bei den Rettungssanitäterkursen dazu zu setzen.

Ein super Angebot, wie ich finde!

… Einziges Problemchen: diese Kurse laufen schon seit neun Monaten (glaube ich, ich habe verschiedene Angaben dazu gehört. Und irgendwie die Timeline noch nicht ganz zusammenpuzzeln können… 😅. Auf jeden Fall laufen sie schon lange).

Es gibt zwar einen Kurs, der neu angefangen hat, aber dieser ist immer Samstags- und diesen Samstag waren wir ja in Mexiko-Stadt.

… Also haben wir die sehr smarte Entscheidung getroffen, einfach mal den anderen Kurs auszuprobieren.

Wir, das waren in dem Fall Caity und ich.


Generelles: über das Setting des Kurses

Der Rettungssani-Kurse finden in einem Raum statt, der an ein Klassenzimmer erinnert. Tische, orangene Stühle, Whiteboard vorne, ein Beamer an der Decke.

Der erste auffällige Unterschied (von der Dekoration für den Día de los Muertos mal abgesehen) zu einem normalen Klassenzimmer ist die Kleidung, die alle Kursteilnehmer tragen: schwarze Sicherheitsschuhe, graue Multifunktionshose mit vielen Taschen und reflektierenden Streifen an den Beinen, weißes T-Shirt des Roten Kreuzes mit einem Abzeichen am Arm, dass sie als Auszubildende kennzeichnet, darüber eine weiße Weste, auch vom roten Kreuz.

Oft kommt dazu noch eine große, rote “Rettungssanitäter-Tasche”, die viele oft benötogte Materialien wie Einmalhandschuhe, Mund-Nasen-Schutz, Thermometer, ein Stethoskop und Material für Venenzugänge beinhaltet.

Der zweite auffällige Unterschied waren die Wiederbelebungspuppen, die blaue Trage und die restlichen Materialien, die im hinteren Teil des Klassenzimmers standen.

Grob geschätzt besteht der Kurs aus ca. 20 Teilnehmer_innen, größtenteils Frauen. Sie alle zahlen übrigens (im Gegensatz zu uns 😬) einen monatlichen Beitrag für die Teilnahme.


… und über die Unterrichtsmethodik

Generell geht der Kurs jeden Tag der Woche von acht bis zwölf und teilt sich in zwei Teilbereiche auf.

Vormittags steht oft Theorie auf dem Programm. Das bedeutet, dass Juan (ein überraschend junger Mann und der für den Kurs zuständige Lehrer- soweit ich es verstanden habe arbeitet er nebenbei auch im Bevölkerungsschutz. Deswegen kann es spontan vorkommen, dass der Kurs an einem Tag abgesagt werden muss) oder ein anderer Lehrer einen Vortrag über ein bestimmtes Thema hält.

Zwischendrin stellen die Teilnehmer Fragen (manche enthusiastischer als Andere) und beantworten die vom Vortragenden gestellten Fragen.

Am Dienstag war eine Wiederholung zu Notfällen, die das Gehirn, das Atemzentrum, das Herz oder den Bauchraum betreffen dran. Davon habe ich wirklich wenig verstanden.

Lag auch teilweise daran, dass die Vortragende das Whiteboard mit einer sehr kleinen Schrift beschrieben hat. Aber leider nur teilweise… 😅

Am Mittwoch war es ein wenig besser, hier ging es um das für alle neue Thema der Stoffwechsel-Notfälle- luxuriöserweise mit Power-Point Presentation. Meine Mitschriften vom Mittowoch- mal gucken, ob ich mehrere Tage später noch daraus schlau werde...

Nach einer kleinen Pause steht oft Praxis auf dem Plan.

Das bedeutet, dass ein Kursteilnehmer den Patienten spielt und sich Juan für ein Team von drei bis vier Kursteilnehmern ein Szenario ausdenkt, welches sie dann behandeln müssen.

Meist hat das Team zwölf Minuten Zeit, um den Patienten vorläufig zu versorgen und eine erste Diagnose aufzustellen.

Das vorläufige Versorgen beinhaltet oft eine erste Untersuchung der Vitalzeichen, eine Beatmung, eine Aktion mit der Nase des Patienten und einem Schlauch (hier bin ich mir noch nicht sicher, warum man dies tut- ich glaube das ist eine “Intubation”, mit dem Sinn, dass die Atemwege frei gehalten werden. Hierfür wird zum Glück eine Puppe genutzt), ein Venenzugang (dafür müssen die Teilnehmer die Hand oder den Arm herhalten- beeindruckend 😅) und ein Umlagern auf eine Trage.

Generell ist die Atmosphäre im Kurs sehr angenehm und kollegial, bis hin zu herzlich. Die Kursteilnehmer unterstützen sich gegenseitig und scheinen fast mit den Lehrern, vor allem mit Juan (ich bin mir 80% sicher mit seinem Namen), auf Augenhöhe.

So wurde sich z.B. die Zeit bis (nach acht!) ein Großteil des Kurses anwesend war mit einer kurzen und spontanen quizförmigen Wiederholung vertrieben.

Ein anderer Beweis: diese Konversation vor einer Praxis-Einheit:

Juan: Wollt ihr Trauma (bezogen auf die Verletzungsart)?

Kursteilnehmerin: Noch eins (nicht bezogen auf die Verletzungsart)? (Sorry, Leute, es war lustiger in Real Life- Witze verlieren immer, wenn man sie so aufschreit und dabei erklären muss 😬 😅)


Und die große Frage: was habe ich dort eigentlich gemacht

Nun ja, erst einmal zugehört und versucht, zumindest ein bisschen zu verstehen.

Am ersten Tag, dem Dienstag, saß ich zusammen mit Caity ganz hinten, da alle anderen Stühle besetzt waren. Ihre kurzen, geflüsterten Erklärungen zu Wörter wie “SAMPLER” oder “BE-FAST” haben mir wirklich sehr geholfen.

SAMPLER: Ein Akronym für eine erweiterte Anamese, die beim Patienten nach dem Durchführen aller Schritte des cABCDE-Schemas (erkläre ich später noch mal) durchgeführt wird (hier in stark abgekürzter Form):

S: Symptoms: Welche Symptome/ Hauptbeschwerden und Schmerzen hat der Patient und seit wann?

A: Allergien: bestehen welche, insbesondere gegen Medikamente?

M: Medikamente: Welche Medikamente werden regelmäßig eingenommen? Welche wurden kurz vor dem Notfallereigniss eingenommen? Wurden Drogen konsumiert?

P: Patientenvorgeschichte: Bestehen Vorerkrankungen, Schlafstörungen, gab es auffällige Gewichtszu- oder Abnahmen, ist der Patient aktuell in Behandlung?

L: Letzte Mahlzeit (und Ausscheidung): Wann und was? Wie steht es mit Appetit und Durst? Wann war der letzte Stuhlgang?

E: Ereignisse, die zum Notfall führten: was genau führte zum Notfall?

R: Risikofaktoren: bestehen Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen, z.B. Diabetes Mellitus, Übergewicht, Schwangerschaft?

BE-FAST: Ein Akronym zur Erkennung von Schlaganfällen:

B: Balance: Hat der Patient Schwierigkeiten mit Balance oder Koordination?

E: Eyes: Bemerkt der Patient verschwommene, doppelte oder fehlende Sicht auf einem oder beiden Augen? (Ohne Schmerzen)

F: Face Drooping: Ist eine Seite des Gesichtes schlaff oder taub (besonders deutlich wenn die Person gebeten wird, zu lächeln)

A: Arm Weakness: Ist ein Arm schwach oder taub? Sinkt er nach unten, wenn der Patient beide Arme hochhalten soll?

S: Speech Difficulty: Hat der Patient Schwierigkeiten, zu reden oder ist schlecht zu verstehen? Kann ein einfacher Satz nicht wiederholt werden?

T: Time to call 911: Sobald nur eines dieser Symptome zutrifft, besteht Verdacht auf einen Schlaganfall und der Patient sollte schnellstmöglich in ein Krankenhaus.

An den nächsten Tagen, Mittwoch und Donnerstag, war ich alleine bei den Kursen- hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich mich mehr mit den Menschen dort unterhalten habe. Was sehr schön und spannend war. Am Donnerstag bin ich früh in eine Psychologie- Stunde, die anscheinend ein freiwilliger Teil des Kurses ist, hineingestolpert. Wir haben alle unsere Familien gemalt -hier ist mein Meisterwerk 😬 😅- und dann über sie geredet. Das war zwar nicht besonders fachlich, aber echt schön, weil ich dadurch die Menschen echt viel besser kennen gelernt habe. Und ich war wirklich beeindruckt. Eine Kursteilnehmerin studiert z.B. parallel Medizin! Ich weiß echt nicht, wie sie das schaft...

In den Praktika habe ich erst einmal nur zugeschaut- wobei, einmal wurden mir Einmalhandschuhe und ein Mund-Nasen-Schutz in die Hand gedrückt und ich sollte plötzlich Atemwege, Atmung und Zirkulation eines “Patienten” prüfen- zum Glück hatte ich Hilfe dabei (sonst wäre der arme Patient so was von aufgeschmissen gewesen… 😬 😅).

Auf die Frage, ob ich z.B. eine Venenverweilkanüle legen kann, habe ich schon fast gelacht- aber wer weiß, ganz vielleicht werde ich es hier noch lernen.

Auch wenn alles noch ein bisschen awkward und überfordernd ist, freue ich mich doch sehr über diese tolle Möglichkeit, zu lernen.

Und bin etwas traurig, dass ich diese Woche eigentlich jeden Tag vormittags arbeiten muss- naja, vielleicht kann ich ja vor- oder nach der Arbeit kurz vorbeischauen…

Das war´s erst mal zu diesem Thema, bis bald, hoffentlich mit mehr Wissen und weniger Verwirrung.

Hab euch alle lieb und bis bald ❤️ 🫶

Elisabeth